Legal oder egal - gibt es noch einen eBook-Markt?
Das eBook als Hardwarelösung ist tot, einen Markt für derartige elektronische Bücher gibt es in Deutschland kaum. Gleichzeitig boomen im Internet Tauschbörsen für illegal digitalisierte Bestseller, die auf allen Mobilrechnern vom Notebook-Computer bis zum Smartphone gelesen werden können. Die Verlage sehen zu. Handelt es sich wirklich nur um Kavaliersdelikte – oder wird hier ein neuer Markt unterschätzt?
Mitte 2003 benötigten eBook-Fans weniger als drei Tage, um den neuen Harry Potter Seite für Seite zu scannen, als Text zu konvertieren, Korrektur zu lesen und die auf diese Weise produzierte Datei in den eBook-Internet-Tauschbörsen zu verteilen.
Das Scheitern des eBooks als spezielles Lesegerät bedeutet also offenbar nicht auch das Ende des Konzepts, literarische Texte auf elektronischen Mobilgeräten zu lesen. Dank der zunehmenden Verbreitung von Mobilgeräten mit mehreren Millionen Organizern, Personal Digital Assistants (kurz: PDAs) und Notebooks erfreuen sich eBooks in Softwareform inzwischen wachsender Beliebtheit: Statt dicker Wälzer im Büro haben Mediziner oder Juristen alle wichtigen Nachschlagewerke in der Jackentasche. Im Urlaub kann man Romane »mückenfrei« ohne Terrassenlicht auf dem hinterleuchteten PDA-Display goutieren. Und in der U-Bahn liest man nach den E-Mails den neuen Harry Potter auf dem bisherigen Arbeitsgerät.
Und das »Schöne«: es gibt die Literatur dazu kostenlos. Dank billiger Scanner und Software, die die Scans direkt ins Speicherplatz sparende Textformat verwandelt, ist ein Buch schnell digitalisiert und in einschlägigen Internet-Tauschbörsen angeboten. Zu Tausenden finden sich dort privat eingescannte eBooks im PDF-, HTML- oder Text-Format – in erster Linie Bestseller. Die Verbreitung dieser urheberrechtlich geschützten Texte ist ebenso wenig zulässig wie bei Musik. Die Verlage erleben also gerade ein ähnliches Dilemma wie die Musikindustrie durch das komprimierte Speicherformat MP3.
Und sie machen dieselben Fehler. Aus Angst davor, dass eBook-Kopierschutzlösungen geknackt werden könnten, werden die Bücher erst gar nicht als eBook auf den Markt gebracht, und wenn sind sie kaum billiger als gedruckte Werke. Dass Verlage unautorisierte Schwarzkopien von eBooks verhindern wollen, ist verständlich: Digitale 1 : 1-Kopien lassen sich – anders als Fotokopien – quasi zum Nulltarif und vor allem ohne Qualitätsverlust herstellen. Die notwendige kriminelle Energie zum Knacken der Rechteverwaltung wird von den Verlagen offenbar bei der Mehrzahl der Leser vorausgesetzt.
Diese Energie wird jedenfalls durch unattraktive Preise oder schlichtweg fehlende Angebote zunehmend freigesetzt. Dabei haben die Verlage die Kreativität der eBook-Fangemeinde falsch eingeschätzt und übersehen, dass niemand auf elektronische Vorlagen angewiesen ist. Man kann schließlich eBooks in Eigenregie direkt von den Druckwerken erstellen. Die restriktive Haltung der Verlage hat wahrscheinlich der illegalen Verbreitung von urheberrechtlich geschützten Texten im Internet wesentlich Vorschub geleistet, da es für viele Texte gar keine legale eBook-Version gibt.
Auch bei den inzwischen nicht mehr erhältlichen Hardware-eBooks schreckten neben dem hohen Gerätepreis die allzu strikte Rechteverwaltung und die als zu hoch empfundenen Preise für den Lesestoff ab. Diese orientierten sich an den Preisen der gedruckten Exemplare.
Die Musikindustrie macht vor, wie dem Problem eBook beizukommen wäre. Auf der einen Seite steht das konzertierte Vorgehen gegen die Kopierer und die Tauschbörsen. Der Mittel gibt es viele, seien es rechtliche Schritte oder (kreativer) das massenweise Einstellen von schadhaften Daten in die Tauschbörsen, um die Benutzer zu entnerven und ein positives Gefühl für die Verläßlichkeit kostenpflichtiger Inhalte zu schaffen. Sicher wird es nie möglich sein, dem Piratentum im Internet ganz Einhalt zu gebieten, aber man kann den Tauschbörsen und ihren Nutzern das Leben so schwer machen, dass viele eBook-Fans dankbar gut funktionierende legale Alternativen annehmen werden, wenn deren Preise stimmen.
Auf der anderen Seite steht die Schaffung eines entsprechenden, gut funktionierenden Angebots. Die in den letzten Jahren entstandenen kommerziellen Download-Dienste für Musik-MP3s haben eine große Nutzergemeinde. Mit Apples sehr erfolgreichem Download-Dienst iTunes schickt sich die Branche an, mit einem breiten Angebot und nutzerfreundlichen Bedingungen eine für alle Seiten akzeptable Lösung zu etablieren. Einen Kopierschutz gibt es auch, aber er ist so großzügig, dass die Dateien auf mehreren Geräten abgespielt werden können. Im Musikbereich ist die Möglichkeit, bezahlte Dateien auch auf CD zu brennen, zugleich der einfachste Weg, den Kopierschutz zu umgehen. Ohne diese Möglichkeit ist der bezahlte Download aber nicht attraktiv genug für die Nutzer, so dass z. B. iTunes das Brennen erlaubt. Manche Downloaddienste verzichten ganz auf Kopierschutzmechanismen. Dennoch hat es den Anschein, dass auf diese Weise mehr Geld zu verdienen ist als durch die Versuche, die Musikkonsumenten mit restriktiven Mitteln zurück in die CD-Läden zu zwingen.
Übertragen auf die Verlagsbranche bedeutet das, zuerst einzusehen, dass das illegale Kopieren nicht ganz zu verhindern ist, am wenigsten dadurch, dass man dem Markt fernbleibt oder nicht marktgängige Preise macht. Ebensowenig wird man das Knacken von Kopierschutzmechanismen auf Dauer verhindern können.
Stattdessen gilt es, einen existierenden Markt angemessen zu bedienen, der sich sonst selbst bedient. Tausende potentielle eBook-Nutzer werden gerne bereit sein, zu fairen Preisen – also deutlich unter dem Preis des Druckwerks – und zu moderaten Lizenzbedingungen Bücher in elektronischer Form zu kaufen. Diejenigen, die auch dann noch illegal kopieren und Kopiermechanismen aushebeln, wenn beides deutlich erschwert ist und legale Alternativen existieren, würden mit Sicherheit selbst dann keine Bücher kaufen, wenn man sie erfolgreich an ihrem illegalen Tun hindern könnte.
Bis zum Aufbau eines funktionierenden eBook-Marktes ist es noch ein weiter Weg. Neben eventuellen Schritten gegen die Tauschbörsen stehen Entscheidungen über Softwareformate, Preise und Kopierschutzlösungen sowie eine übersichtliche Vertriebsplattform an. Die Kunden werden es danken, wenn sie nicht in einer Vielzahl von unterschiedlichen Systemen herumirren müssen, weil sie den neuesten Bestseller auf ihrem PDA lesen wollen.
Ein erster Schritt in dieser Richtung ist das Deutsche eBook-Portal (www.ebookportal.de), das seit August 2003 eine umfassende Übersicht über eBooks in deutscher Sprache mit Titeln in allen wichtigen Reader-Formaten und direktem Zugriff auf acht der größten eShops bietet.
Für die Verlage können sich diese Anstrengungen lohnen, denn die Zahl potentieller eBook-Leser wächst beständig. Die technische Entwicklung im Bereich der Mobilcomputer sorgt dafür, dass die Geräte für einen Einsatz als eBook-Reader immer besser geeignet sind. So sind erste PDAs mit eInk-Bildschirmen angekündigt, einer Displaytechnologie, deren Abbildungseigenschaften bedrucktem Papier sehr nahe kommen. PDAs werden dadurch in Display-Format und Darstellungsqualität Taschenbüchern immer ähnlicher, ihre Verwendung als Buchlesegeräte also deutlich attraktiver. Auch die bei Jugendlichen beliebten Handys der neuesten Generation (sog. Smartphones, Foto-Handys) haben immer größer werdende Displays und entwickeln sich so zu einer weiteren digitalen Leseplattform mit enorm hoher Verbreitung.
Wie in so vielem könnten sich auch hier die Vereinigten Staaten als Trendsetter erweisen. Die Association of American Publishers (AAP) hat aufgrund der letzten Verkaufszahlen aus 2003 ein stetes Wachstum der eBook-Sparte ausgemacht.
Im Vergleich zu den ersten Monaten des Jahres 2002 zeigen die Internet-Verkaufszahlen von 60 Verlagen wie z. B. HarperCollins, John Wiley & Sons, Random House und Simon & Schuster einen Anstieg der eBook-Verkäufe um 41 Prozent. Ein »signifikantes Wachstum« für Ed McCoyd, den »Director of Digital Policy« der AAP. Er führt dieses Wachstum neben dem Anstieg an angebotenen Titeln vor allem auf das größere Angebot an Lesesoftware zurück. Für ihn haben Microsofts Lesesoftware, der Microsoft Reader, und der Palm Reader, die jeweils für alle relevanten Computersysteme – tragbare und stationäre – verfügbar sind, deutlich zur besseren Akzeptanz von Software-eBooks beigetragen.
Ein Problem der eBooks ist aber laut Umfrage der Website BookBrowse.com immer noch der Preis. Auch wenn immerhin 16 Prozent der befragten Internet-User schon mal ein eBook gelesen haben, und 23 Prozent das dieses Jahr noch tun wollen, sind die Kosten ein nicht unerheblicher Faktor. 44 Prozent möchten nicht für ein spezielles Lesegerät bezahlen müssen. Und 45 Prozent würden sich nur ein eBook kaufen, wenn der Preis um die Hälfte billiger wäre als die günstigste Papierausgabe.
Für Davina Morgan-Witts, die Chefredakteurin von BookBrowse.com, liegt das unter anderem daran, dass die Leser nicht ganz zu Unrecht glauben, ein eBook müsse schon deswegen billiger zu bekommen sein, weil kein Papier, keine Lagerung oder Lieferkosten gezahlt werden müssten. Der Nachteil aller eBooks, dass man nicht wissen könne, ob das Format in einigen Jahren noch unterstützt und damit lesbar sein wird, sollte sich ebenfalls im Preis niederschlagen. Die Herausforderung für die Verlage liege jetzt darin, einerseits dem Leser verständlich zu machen, dass auch die Herstellung von eBooks Kosten verursacht, andererseits den Preisvorstellungen der Leser entsprechend entgegen zu kommen.
Ein Blick auf das Angebot amerikanischer eBook-Shops zeigt, dass dort die eBook-Preise teilweise deutlich niedriger sind als die der Paperback-Ausgabe.
Freilich gibt es je nach der Art der publizierten Inhalte erhebliche Unterschiede beim Interesse an eBooks. Laut Branchenreport 2003 des Arbeitskreises Elektronisches Publizieren im Börsenverein des Deutschen Buchhandels war nur ein Prozent der befragten Verlage voll zufrieden mit der Akzeptanz des Mediums eBook, und diese veröffentlichen Nachschlagewerke.
Dennoch lässt auch das Angebot von deutschsprachigen eBooks in den Marktsektoren, in denen dieses Medium schon jetzt am ehesten akzeptiert wird, noch sehr zu wünschen übrig. Dabei sind es gerade die Bereiche Management, Software-Programmierung, Medizin und Recht, in denen sich Wörterbücher, Lexika und Handbücher für die Nutzung als eBooks eignen. Das viel größere Angebot an solchen Werken im englischsprachigen Raum legt nahe, dass hier ein ungenutztes Potential liegt.
Der Eindruck eines allgemeinen Niedergangs beim Medium eBook relativiert sich also, wenn man den Blick von der klassischen Form des Hardware-eBooks auf aktuelle Entwickungen wendet. Es ist nun Aufgabe der Verlage, die zwar langsame, aber stetige Entwicklung hin zur Nutzung elektronischer Mobilgeräte als Buchalternative konstruktiv zu nutzen.
Fazit
- Die Verbreitung mobiler Kleinrechner wie Organizer oder Smartphones
mit Bildschirmen, die sich zum Lesen von Texten eignen, nimmt ständig zu. - Kostenlose eBook-Lesesoftware erleichtert die Nutzung dieser Geräte
als eBook-Lesegeräte und stattet sie mit digitaler Rechteverwaltung aus. - Umfragen legen nahe, dass das mangelnde eBook-Angebot und die hohen Preise, die meist identisch mit denen der Printwerke sind, viele interessierte eBook-Leser abschrecken oder sie zur Nutzung von Internet-Tauschbörsen
animieren, in denen illegal gescannte Bestseller in digitalen Formaten zu finden sind. - In den USA liegt die Wachstumsrate bei den eBook-Absätzen weit über
denen im Print-Sektor, wobei die eBook-Preise teilweise deutlich niedriger
sind als die der Paperback-Ausgabe. - Die Kombination von repressivem Vorgehen gegen Internet-Tauschbörsen
und einem fairen legalen Download-Angebot würde zur Schaffung eines
funktionierenden eBook-Marktes in Deutschland beitragen.


